Zwei Fragen, die immer wieder im Zusammenhang mit Lebensmitteln auftauchen:
Ist das BIO? Ist das gespritzt?
Und des Öfteren frage ich mich: Wann haben wir Menschen begonnen, einem Stück Papier mehr zu vertrauen als unseren eigenen Sinnen und unserem Urteilsvermögen? Statt selbst genauer hinzuschauen?
Ein Zertifikat kann uns wichtige Informationen zur Verfügung stellen und Orientierung geben. Doch eine Zertifizierung erzählt nicht die ganze Geschichte. Echtes Interesse, eigenes Nachdenken, Forschen, mehrere Blicke auf die Zusammenhänge bleiben uns nicht erspart, wenn wir weiterhin Nahrhaftes und Nährendes auf dem Teller für unser Wohl-Sein genießen möchten.
Was enthält dieses Zertifikat, was wird zertifiziert? Hinzu kommt, dass wir es inzwischen mit ca. 100 verschiedenen Labels zu tun haben. Allein schon zu erforschen, welche Anforderungen welches Siegel enthält: viel Freude und vor allen Dingen Durchhaltevermögen.
Nicht jede verantwortungsvolle Haltung lässt sich von einem Etikett ablesen.
Wie ist der Umgang des Produzenten mit dem, was letztendlich uns allen gehört: Boden, Wasser, Luft? Wie ist der Umgang mit all dem mit der Produktion unserer Nahrung Zusammenhängendem? Schlicht und ergreifend: vom Regenwurm bis zum Erntehelfer.
Nimmt uns das Etikett auch die Verantwortung ab, selbst hinzuschauen, nachzufragen und uns ein eigenes Bild zu machen? Gute Lebensmittel brauchen mehr als ein Siegel.
Bewusster Konsum und bewusste Ernährung denken weiter als von 12 Uhr bis es läutet. Sie denken z. B. auch an die lebendige Vielfalt des Bodens – an die Grundlagen, von denen auch zukünftige Generationen leben können.
BIO ist eine Produktionsweise – kein Freibrief, das eigene Denken einzustellen und die eigenen Sinne zu übergehen.
Und die Frage „Ist ‚das‘ gespritzt?“ – also das Obst, Gemüse oder auch das Tier – ist eine aus dem Gesamtzusammenhang herausgefilterte Frage. Die wiederum zu den weiterführenden und wirklich interessanten Fragen führen kann, wenn wir denn dranbleiben.
Bleiben wir also dran und treten einen Schritt zurück. Wir leben in einer Epoche, in der wir erleben, wie wir Menschen alles aus dem Gleichgewicht gebracht haben: die Erde, die Pflanzen- und Tierwelt, die mineralische und die menschliche Welt.
Jenseits aller Gesetzmäßigkeiten
ALLES MACHEN ZU KÖNNEN –
WIR MACHER, KAPUTT MACHER,
könnten wir inzwischen auch sagen.
Doch auch nicht alles haben wir selbst verursacht. Schon immer gab es Schädlinge und Krankheiten zumindest seit Pandoras Büchse geöffnet wurde (kleiner Scherz am Rande). Unterschiedliche Witterungsbedingungen bringen zum Beispiel Schimmel, Mehltau, Pilzbefall und Schädlinge hervor, um nur einige zu nennen.
Dafür braucht es Unterstützung, Beitrag, Hilfe. Diese kann z.B in Form natürlicher Schädlingsbekämpfung stattfinden, also als integrierter Pflanzenschutz mit einer Reihe ungiftiger und biologischer Methoden: etwa Marienkäfer, Wespen, Raubmilben, Hormonfallen, Pheromon-Dispenser, natürliche Öle, Weißton-Präparate, Bodenbakterien, um einige aufzuzählen.
Und es gibt Menschen, die genau so arbeiten und sich bemühen, in diesem Wirrwarr weiterhin wertvolle, nahrhafte Lebensmittel anzubauen und zur Verfügung zu stellen, und die ihr Leben dieser Aufgabe widmen.
Auf der anderen Seite gibt es in der industriellen Landwirtschaft so etwas wie „Medizin auf Rezept“, um ein hochgezüchtetes, anfälliges System gegen Ausfälle abzusichern und den weltweiten Bedarf an billigen Lebensmitteln zu decken. Ein Problem entsteht hierbei: Schädlinge, „Unkräuter“ und Pilze entwickeln mit der Zeit eine sogenannte Resistenz gegen die eingesetzten Gifte. Ein Teufelskreis beginnt: entweder noch mehr Gift oder aggressivere chemische Cocktails. Monokulturen und enge Fruchtfolgen begünstigen dies noch mehr.
Von alldem sehen wir beim Einkauf nichts. Die lieblichen Werbebilder und Filme von der glücklichen Kuh und der ausgeruhten Bäuerin auf der Alm täuschen uns eine heile Welt in der Produktion der Lebensmittel vor. Tatsächlich sind die meisten Landwirte in einem extrem wettbewerbsintensiven Markt mit geringen Gewinnspannen tätig. Der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus wirtschaftlichem Druck und globalen Machtstrukturen. Und ich würde an dieser Stelle behaupten: Wir alle haben unsere Rolle in diesem Spiel – spätestens an der Ladenkasse.
Statt nur „Ist das gespritzt?“ ergeben sich so weitere interessante Fragen:
Wann wurde behandelt?
Wogegen, Wofür?
Womit?
Weshalb?
Ein Punkt wird an diesen Stellen oft etwas unterbelichtet betrachtet: Was soll ein Produzent, Bauer, Landwirt in schwierigen Jahren tun, wenn es um seine gesamte Existenz geht?
Gute Lebensmittel beginnen lange vor dem Einkauf. Mit unserem Einkauf entscheiden wir auch, zu welcher Art des Wirtschaftens wir beitragen – doch davon demnächst mehr …
