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Kompostierbar, recycelbar, nachhaltig? Was hinter Verpackungsversprechen wirklich steckt

19. Oktober 2026Südfrüchte Hohenlohe
Kompostierbar, recycelbar, nachhaltig? Was hinter Verpackungsversprechen wirklich steckt

Auf der Suche nach der optimalen Verpackung für unsere Produkte haben wir uns intensiv mit der ganzen Verpackungsthematik auseinandergesetzt. Was wir dabei vor allem gelernt haben: Viele Verpackungen klingen deutlich nachhaltiger, als sie in der Praxis sind.

Erster Gedanke: PLA – Plastik aus Mais

Zuerst dachten wir: PLA, also Kunststoff aus Maisstärke, klingt doch super – und kompostierbar noch besser. Nehmen wir das!

Doch „kompostierbar“ heißt nicht, dass sich die Verpackung im Garten einfach auflöst. Kompostierung ist ein menschengemachter Prozess. Nach der europäischen Norm EN 13432 gilt eine Verpackung als kompostierbar, wenn sie in einer industriellen Kompostieranlage innerhalb von sechs Monaten zu mindestens 90 % von Mikroorganismen zu CO₂ abgebaut wird. Zusatzstoffe dürfen höchstens 1 % ausmachen und müssen unbedenklich sein [1]. Florent Port, Präsident des französischen Filamentherstellers Francofil, erklärt, dass PLA dafür kontrollierte Temperatur und Feuchtigkeit bei über 55–70 °C braucht – nur dann baut es sich innerhalb von Tagen bis Monaten ab [1].

In der Natur passiert dagegen lange nichts. In einer Studie der Universität Bayreuth lagen PLA-Folien ein Jahr lang bei 25 °C in künstlichem Meer- und Süßwasser – am Ende zeigte PLA keinerlei Abbau, genauso wenig wie herkömmliches PET [5]. Auch andere Untersuchungen in Meerwasser und Boden fanden selbst nach Jahren keine nennenswerten Abbauspuren [6]. Schätzungen gehen von 5 bis über 20 Jahren im Boden und Jahrzehnten im Meer aus [7]. Landet eine PLA-Tüte in der Natur, ist sie also kaum besser als eine gewöhnliche Plastiktüte.

Und auch in der Kompostieranlage klappt es meist nicht. Die Deutsche Umwelthilfe hat fast 1.000 deutsche Kompostieranlagen befragt: 95 % können Biokunststoffe nicht normgerecht kompostieren, 80 % betrachten sie als Störstoff [1, 2]. Ein Grund ist die Zeit: In einem Praxisversuch der DUH lag die durchschnittliche Rottedauer der getesteten Anlage bei nur 21 Tagen [3]. Die Verbraucherzentrale NRW bestätigt, dass die Rottezeit in Kompostwerken in der Regel nicht reicht, um kompostierbare Kunststoffbeutel vollständig abzubauen – und dass viele Anlagen alles aussortieren, was wie Plastik aussieht, weil sie kompostierbare und herkömmliche Kunststoffe nicht unterscheiden können [4]. Dazu kommen strengere Regeln: Anlagenbetreiber müssen den Bioabfall künftig auf Fremdstoffe prüfen und diese bei Überschreitung der Grenzwerte aufwendig entfernen – das betrifft ausdrücklich auch bioabbaubare Kunststoffe [9].

Selbst wenn PLA kompostiert wird, bringt das ökologisch wenig. Laut Umweltbundesamt zerfallen solche Kunststoffe dabei nur zu CO₂ und Wasser, wertvolle Bodenbestandteile entstehen nicht. Die Verbrennung schneidet sogar besser ab, weil dabei wenigstens Strom oder Wärme gewonnen wird [8].

Und im Gelben Sack? Dort hat PLA nicht einmal eine eigene Kategorie. Das Umweltbundesamt hat alle Sortierer und Verwerter von Leichtverpackungen befragt: Für PLA und andere kompostierbare Kunststoffe gibt es derzeit keinen hochwertigen Recyclingweg [10]. Wegen des geringen Marktanteils existiert keine eigene PLA-Fraktion – PLA wird in der Sortieranlage nicht als Wertstoff erfasst und am Ende ausschließlich thermisch verwertet, im Klartext also verbrannt [11].

Zweiter Versuch: Cellulose

Danach haben wir weiter recherchiert und dachten: Cellulose – auch super! Wird aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und gilt auch als abbaubar. Unsere aktuellen Tüten sind ja aus Cellophan (Zellglas), also aus Cellulose. Doch auch hier sieht die Praxis anders aus.

Biotonne: Zellglas darf nur dann in die Biotonne, wenn der örtliche Entsorger es ausdrücklich erlaubt. Das Abbauproblem ist aber dasselbe wie bei PLA. In einem Laborversuch unter simulierten Kompostbedingungen waren nach 141 Tagen erst rund 71 % des unbeschichteten Cellophans abgebaut, bei beschichteten Varianten nur 55 bzw. 63 % [12]. Das ist ein Vielfaches der drei Wochen, die eine Anlage im Praxisversuch für die Rotte brauchte [3]. Und weil Kompostwerke alles aussortieren, was wie Plastik aussieht [4], wird eine Cellophan-Tüte dort sehr wahrscheinlich als Störstoff aussortiert.

Altpapier: Kleine Cellophan-Fenster, etwa an Bäckertüten, dürfen ins Altpapier. Neues Papier wird daraus aber nicht. Der Abfallwirtschaftsbetrieb München erklärt, dass sich Cellophan im Papierrecycling nicht auflöst, sondern hinterher abgesiebt oder abgeschöpft wird [13]. Was dabei aussortiert wird, heißt in der Branche „Spuckstoffe“ oder „Rejekte“ – darin landen neben Büroklammern, Gummis, Glas und Steinen auch Kunststoffe [15]. Diese Rejekte werden thermisch behandelt, also verbrannt oder vergast; Kunststoffe dienen dabei als Energiequelle, und die Fabriken versuchen, ihre Entsorgungskosten möglichst gering zu halten [16]. Eingekauft wird das Altpapier aber nach Gewicht: Kommunen verkaufen es pro Tonne, 2021 etwa ein Abfallwirtschaftsbetrieb in der Pfalz im Jahresschnitt für 179 Euro [17]. Die Papierfabrik bezahlt die Folie also erst als vermeintliches Altpapier mit – und danach noch einmal für ihre Entsorgung.

Gelber Sack: Eine eigene Sortierfraktion für Zellglas ist uns nicht bekannt. Vermutlich landet es im Sortierrest und wird ebenfalls verbrannt.

Und reines Papier?

Reines Papier ist zwar für manche Produkte möglich, aber andere weichen die Tüte durch, fetten durch oder trocknen darin aus. Das ist dann auch nicht in unserem und eurem Sinne.

Ihr seht: Das Ganze ist nicht so einfach, wie es ursprünglich scheint.

Ausgerechnet Plastik?

Laut vielen Quellen schneiden Monomaterial-Folien am besten ab, also Folien aus nur einer Kunststoffsorte. Das Umweltbundesamt misst dafür den sogenannten „Anwendungsgrad“: die Wahrscheinlichkeit, dass eine korrekt entsorgte Verpackung in der Sortieranlage auf passende Technik trifft und danach hochwertig recycelt wird [14].

Verpackung

Format

Typische Beispiele

Anwendungsgrad 2023/24

Kunststofffolien, großformatig

größer als DIN A4

Tragetaschen, Schrumpffolien, Polsterfolien

82 %

PE, flexibel, kleinformatig

kleiner als DIN A4

Tüten, Beutel, Standbodenbeutel

ca. 50 %

PP, flexibel

unabhängig vom Format

Tüten, Beutel, Folien aus PP

27 %

Für kleine Tüten hat Mono-PE also aktuell die besten Chancen, Mono-PP deutlich schlechtere. Die Zahl ist aber keine Recyclingquote: Das UBA betont selbst, dass auch 100 % nichts darüber aussagen, wie viel einer Verpackung am Ende wirklich zu Rezyklat wird [14]. Hinzu kommen Verluste beim Sortieren – eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU (2021) fand bei Folien je nach Anlage Sortierquoten zwischen 55 und 89 % [14]. Und vieles hängt davon ab, in welcher der 43 deutschen Sortieranlagen euer Gelber Sack landet: Eine eigene PP-Folienfraktion bildeten 2024 nur Anlagen, die zusammen etwa 15 % der Menge verarbeiten [14].

Unser Fazit

Es lässt sich also festhalten: Hier gibt es kein Schwarz oder Weiß und leider keinen klaren Gewinner, bei dem man sagen könnte, das ist die beste Vorgehensweise. Wir bleiben auf jeden Fall weiterhin auf der Suche nach möglichst zukunftsfähigen und umweltverträglichen Verpackungen. Sobald wir etwas gefunden haben, das wir als besser vertretbar empfinden, werden wir es auch verwenden.

Wer bis dahin noch etwas zum lachen oder auch weinen sucht, der kann sich gerne mal die Anstalt Folge zum Thema Recycling anschaue, dort wird das Thema auch nochmal eindrücklich aufgegriffen. Den Link findet ihr ganz unten in den Quellen.

Quellen

  1. 3Dnatives: Ist PLA wirklich nachhaltig?

  2. Deutsche Umwelthilfe (2018): Bioplastik in der Kompostierung – Ergebnisbericht Umfrage

  3. Deutsche Umwelthilfe (2022): Praxisversuch zur Kompostierung von biologisch abbaubaren Kunststoffen, in: Humuswirtschaft & Kompost Q4/2022

  4. Verbraucherzentrale NRW: Bio-Müllbeutel aus kompostierbarem Kunststoff verwenden?

  5. Bagheri, A. R. et al. (2017): Fate of So-Called Biodegradable Polymers in Seawater and Freshwater. Global Challenges 1(4)

  6. ChemistryViews: RNA-Inspired and Accelerated Degradation of Polylactide in Seawater

  7. Sales Plastics: Ist PLA biologisch abbaubar?

  8. Umweltbundesamt: Tüten aus Bioplastik sind keine Alternative

  9. Öko-Test: Kabinett beschließt Obergrenze für Plastik im Biomüll

  10. Umweltbundesamt, Texte 120/2023: Praxis der Sortierung und Verwertung von Verpackungen

  11. ifeu / FNR: PLA4MAP – Recycling von PLA

  12. Benyathiar, P. & Selke, S. (2015): Effect of Irradiation on the Biodegradation of Cellophane Films. Journal of Polymers and the Environment 23(4), 449–458

  13. Utopia: Brottüten entsorgen – Papiertonne oder nicht? (mit Auskunft des Abfallwirtschaftsbetriebs München)

  14. Umweltbundesamt, Texte 119/2026

  15. Tribovent Verfahrensentwicklung: Patent AT411019B – Verfahren zur Aufarbeitung von Rückständen aus der Zellstoff- und Papierindustrie

  16. Andritz: Rejektsysteme für konventionelle Auflösung

  17. Die Rheinpfalz: AWB-Bilanz – Altpapier als Einnahmequelle

  18. Zentrale Stelle Verpackungsregister / Umweltbundesamt: Mindeststandard für die Bemessung der Recyclingfähigkeit (2024)

  19. Umweltbundesamt, Texte 125/2022: Praxis der Sortierung und Verwertung von Verpackungen 2020/2021

Weiterschauen: Ein interessanter Beitrag zum Thema Recycling allgemein